Montag, 23. April 2012

In Gedanken






Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein. 

Rainer Maria Rilke an Franz Xaver Kappus 
z. Zt. Worpswede bei Bremen, am 16. Juli 1903 




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Kommentare:

janine hat gesagt…

Ach, der Herr Rilke hatte schon auch ein Händchen für kluge Sätze! Das klingt immer alles so leicht und mir geht es oft so, dass ich auch denke ich verstehe, was er meint...allein die Umsetzung...da werd ich dann zum Fragezeichen.

karin hat gesagt…

Wunderschön gesagt. Aber ja, die Umsetzung. Nicht immer einfach. Aber doch immerhin immer öfter.

Anonym hat gesagt…

Schönes Gedicht. viel Wahres...das Leben ist zu schön, um es mit unbeantwortbaren Fragen zu verschwenden.

Franziska hat gesagt…

Ja der Herr Rilke, bringt die Dinge wieder einmal schönstens auf den Punkt. Aber ich bin mir sicher, dass auch er mit der Erkenntnis besser vorankam als mit der Umsetzung derer... ;).

Doch die Fragen zu umarmen und nicht nur Angst vor ihnen zu haben, weil man die Antworten noch nicht kennt - ein bemerkenswerter Gedanke.