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Mittwoch, 2. Mai 2012

Augenblicke



Tage wie dieser

Wo andere am 1. Mai wohlweislich frei machen, war in Bern gestern einer dieser protestantischen Arbeitstage, wo die Entscheidungen anderer (mit mehr Entscheidungsgewalt als man selbst) einen zu beruhigenden Atemübungen zwingen, die Wohnung abends nicht aufgeräumter aussieht, als man (ich) sie morgens überhastet verlassen hat, weil das Bett warm und die vorangehende Nacht etwas kurz war... also einer dieser Tage, die nach einem ausgedehnten Aarespaziergang nach der Arbeit und einem Nachtessen von frischen Erdbeeren und Nutella verlangen. Nach einem langen Bad bei Kerzenlicht und nach Briefen. Solche, die man erhält und solche, die man gemütlich quer im Bett liegend aufsetzt.

Es ist einer dieser Tage, an denen man sich seine schlechte Laune verzeihen und mehr als nur ein bisschen lieb zu sich sein sollte. Ein guter Tag, um die Entscheidung zu treffen, sich Gutes zu tun.



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Montag, 23. April 2012

In Gedanken






Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein. 

Rainer Maria Rilke an Franz Xaver Kappus 
z. Zt. Worpswede bei Bremen, am 16. Juli 1903 




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