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Freitag, 6. April 2012

Augenblicke


(Bild via Pinterest)


Manchmal bei irgendwelchen zufälligen Bewegungen
streift meine Hand deine Hand deinen Handrücken
oder mein Körper der in Kleidern steckt lehnt fast ohne es zu wissen
einen Augenblick gegen deinen Körper in Kleidern
diese kleinsten beinahe pflanzlichen Bewegungen
sein abgewinkelter Blick und dein Auge absichtlich ins Leere
wandernd
deine im Ansatz noch unterbrochene Frage wohin fährst du im
Sommer
was liest du gerade
gehen mir mitten durchs Herz
und durch die Kehle hindurch wie ein süszes Messer
und ich trockne aus wie ein Brunnen in einem heiszen Sommer 

Friederike Mayröcker




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Mittwoch, 21. März 2012

Eingerichtet



Einsamkeit
Einsamkeit lautlos samtener Acker
aus Stiefmutterveilchen
verlassen von rot und blau
violett die gehende Farbe
dein Weinen erschafft sie
aus dem zarten Erschrecken deiner Augen –

Nelly Sachs







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Dienstag, 31. Januar 2012

In Gedanken






Schlaf, 
du bester Freund der Januarmüden, 
die das neue Jahr willkommen geheissen 
und nun ihrer Begeisterung über alles was ist und wird 
nur Winterschlafesmüdigkeit zur Seite zu stellen haben. 
Willkommen in meinem Schlafgemach, 
Geliebter, 
der du auch ausserhalb des Bettes den Weg 
nur zu einfach in meine willigen Armen findest. 
Lass mich dein Bär sein, 
lass mich den grauen Winter in deinem Reich verträumen
und erst mit den ersten zarten Knospen 
wieder aus den Federn schlüpfen 
und grünen 
und mich bis in die Fingerspitzen
in das neue Jahr 
hineinstrecken.




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Donnerstag, 29. Dezember 2011

Träumereien





Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon? 
Else Lasker-Schüler





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Samstag, 12. November 2011

Augenblicke




Herbstbild

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält;
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Friedrich Hebbel




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Montag, 10. Oktober 2011

Innehalten

 (Bild via Pinterest)


Variation On The Word Sleep


I would like to watch you sleeping,
which may not happen.
I would like to watch you,
sleeping. I would like to sleep
with you, to enter
your sleep as its smooth dark wave
slides over my head

and walk with you through that lucent
wavering forest of bluegreen leaves
with its watery sun & three moons
towards the cave where you must descend,
towards your worst fear

I would like to give you the silver
branch, the small white flower, the one
word that will protect you
from the grief at the center
of your dream, from the grief
at the center I would like to follow
you up the long stairway
again & become
the boat that would row you back
carefully, a flame
in two cupped hands
to where your body lies
beside me, and as you enter
it as easily as breathing in

I would like to be the air
that inhabits you for a moment
only. I would like to be that unnoticed
& that necessary.



Margaret Atwood 





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Freitag, 7. Oktober 2011

Innehalten

(Foto via Pinterest)


Für dich

Ich möchte dir
das zarte Violett des Regenbogens schenken,
das leuchtende Gold des Buchenblatts
und das Silber der Sterne.

Ich möchte dir
das unauffindbare Ende der Welt zeigen,
den unentwirrbaren Ursprung aller Träume
und die Tiefe der Erinnerungen.

Ich möchte dir
das geheimnisvolle Rascheln der Blätter schenken,
den melodischen Gesang der Lerche
und die Brandung des Meeres.

Ich möchte dir
die zerbrechlichen Blüten der Zärtlichkeit pflücken,
die farbtrunkenen Blumen der Zuneigung
und die Früchte der Freude.

Ich möchte dir
das unwiderstehliche Lächeln der Sonne schenken,
die vertrauten Nebelschleier der Geborgenheit
und das Schweigen der Nacht.

Peter Friebe




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Sonntag, 14. August 2011

Unterwegs in Tübingen



Worte, gesehen in einem tübinger Fenster...


Stille

Stille, das heisst ehrlich sein
das Aussen im Innern hören
mit geöffneten Händen
die Ruhe der Welt in sich aufzunehmen

sich verbünden mit den Bäumen
zu fliessen mit dem Wasser
zu singen mit dem Wind
über Berge zieh'n - egal wohin

den Klang der Erde hören
und Teil ihrer Geschichte sein
den Geruch von Wiesen und Wäldern
im Haar
und um den Mund ein heimliches
Flüstern

Heidrun Hamp





Montag, 4. Juli 2011

Unterwegs in Marakkesch No.7



Und...

... und ich suchte einen Vorwand, deinen Namen zu sprechen in der nassen Nacht
die zart war und feucht wie eine großäugige Blume mit den zitternden Blüten
in die ich mich hüllte auf dem Grund meiner Träume.

Und ich malte deinen Namen in alle Ecken der Räume
in denen ich lebte und leben werde bis der Wind mich wie Samen verweht
um fremde Länder zum Blühen zu bringen.

Und vielleicht werde ich wiedergeboren in dem Kind
das Geschichten hört den ganzen Nachmittag wenn in Nicaragua
die Erde zu duften beginnt und ganz heimlich das grüne Leben
der wollüstigen Tropen webt wie ich, wie du wie die Blätter,
in die wir uns hüllten als man uns verscheuchte aus dem Paradies...


~ Giaconda Belli









Dieses Königskinderparadies hier ist das Rijad Enjja in Marakkesch. Mehr Bilder gibt es hier, hier, hier, hier, hier und hier.


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Montag, 30. Mai 2011

Innehalten




Voll Blüten

Voll Blüten steht der Pfirsichbaum,
nicht jede wird zur Frucht,
Sie schimmern zart wie Rosenschaum
Durch Blau und Wolkenflucht.
Wie Blüten gehen Gedanken auf
Hundert an jedem Tag...
Lass blühen, lass dem Ding den Lauf,
Frag nicht nach dem Ertrag!
Es muss auch Spiel und Unschuld sein
Und Blütenüberbluss,
Sonst wär die Welt uns viel zu klein
Und Leben kein Genuss.



~Hermann Hesse






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Montag, 4. April 2011

Augenblicke

April

Die Welt riecht süß
nach Gestern.
Düfte sind dauerhaft.

Du öffnest das Fenster.
Alle Frühlinge
kommen herein mit diesem.

Frühling der mehr ist
als grüne Blätter.
Ein Kuß birgt alle Küsse.

Immer dieser glänzend glatte
Himmel über der Stadt,
in den die Straßen fließen.

Du weißt, der Winter
und der Schmerz
sind nichts, was umbringt.

Die Luft riecht heute süß
nach Gestern –
das süß nach Heute roch.

~Hilde Domin



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Mittwoch, 23. März 2011

Have a lovely Day!



Frühling

Mit dem Akazienduft
fliegt der Frühling
in dein Erstaunen

Die Zeit sagt
ich bin tausendgrün
und blühe
in vielen Farben

Lachend ruft die Sonne
ich schenke euch wieder
Wärme und Glanz

Ich bin der Atem der Erde
flüstert die Luft

Der Flieder
duftet
uns jung

~ Rose Ausländer





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Dienstag, 22. März 2011

Augenblicke




(Alle Bilder aus dem neuen Frühlingskatalog von Ruche)


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Samstag, 12. März 2011

In Gedanken





Dich schreiben


Schreiben, dich schreiben, dich malen. Dir ins Haar flechten all die ungesprochenen Worte, aufgehängt in der Luft, in der Zeit, im Zweig gelber Blüten, deren Schönheit mir den Atem raubt, wenn ich allein, in Gedanken, die Strasse durchschreite. Eine Erklärung finden für das Geheimnis, den exakten Moment der Entdeckung, für die Liebe, für das Pressluftgefühl im gebogenen Körper, für das berstende Glück, das  mich zu Tränen erschüttert, mir die Augen rötet, die Haut, die Zähne, wenn ich Blume werde, Kletterpflanze, Burg, Gedicht unter deinen Händen, die mich streicheln und entblättern, mir die Worte entreissen, mich von innen nach aussen kehren, und wenn meine Vergangenheit sich ergiesst, meine glückliche Kindheit, die Erinnerung, die Träume, das Meer, das brausend gegen die Jahre schlägt, immer herrlicher und höher, herrlicher und höher. 

Wie kann ich die Freude fassen, sie hoch schwingen lassen in der Hand, sie dir ins Gesicht schleudern wie eine glückliche Taube, die ausfliegt und Land sucht nach dem Regen, wie kann ich dich entdecken in den verborgenen Dingen, dich aufsaugen wie Löschpapier, mich verlieren, uns verlieren, wie an dem Morgen, als wir uns schlaftrunken liebten, im Schweiss und Geruch unserer Körper noch feucht von der salzigen Nacht, als wir uns salbten in Liebe, sie auf dem Boden vergossen in grossem gewaltigen Lachen, eintauchten in die Liebe und uns dann, mit dem Rest, der noch blieb, lange in Liebe uns duschten.


~ Gioconda Belli





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Sonntag, 31. Oktober 2010

Augenblicke

(Foto via A Piece of Monologue)

Ich spiele derzeit Mäuschen im Leben von Antonia Fraser und Harold Pinter (durch die gesammelten Tagebuchauzeichnungen von Fraser, die unter dem Titel "Must you Go? - My Life with Harold Pinter" erschienen sind). Das ist nicht nur super spannend, sondern inspiriert auch, wieder mehr Tagebuch zu führen - ein Unternehmen, das ich seit ungefähr 20 Jahren immer wieder versuche zur Gewohnheit zu machen. Bisher stets mit vernichtenden Ergebnissen.

Dieses Gedicht (eines unter vielen) schrieb Pinter für die Liebe seine Lebens, Antonia. Seufz, seufz, seufz. Die Magie der Worte wirkt ihr Werk...


What sound was that?
I turn away, into the shaking room
What was that sound that came in on the dark?
What is this maze of light it leaves us in?
What is this stance we take,
To turn away and then turn back?
What did we hear?
It was the breath we took when we first met.
Listen. It is here.

Harold Pinter



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Donnerstag, 23. September 2010

In Gedanken




Der Engel in dir

Der Engel in dir
freut sich über dein
Licht

weint über deine Finsternis

Aus seinen Flügeln rauschen
Liebesworte
Gedichte
Liebkosungen

Er bewacht
deinen Weg

Lenk deine Schritte
engelwärts

~Rose Ausländer


(Fotos von Honeypieliving)

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Montag, 20. September 2010

Innehalten

(Bild via We heart it)

Mein Vater ist meist kein Mann der grossen Worte, dafür kann er herrlich schweigen, Laubiglus bauen, immer, immer und überall den Weg und das Ziel finden, die besten Massagen geben und (vor allem mit meinem Brüderchen zusammen) blöde Sprüche reissen.


Dieses Gedicht schenkte er mir zu meinem Uniabschluss im Frühling 2008. Wie er mich kennt, mein lieber Vati...



Sehnsucht

Ich wünsche dir
dass du die Sehnsucht
die von Kindheit an
in deiner Seele ist,
mit grosser Sorge hütest

Sehnsucht ist die Suche
nach einem Paradies,
nach Schönheit, nach Liebe,
nach Heimat, nach Frieden
nach dem, was bleibt

Ich möchte in deine Augen sehen
und niemals entdecken,
dass du die Träume deiner Kindheit
dem Alltag geopfert hast


Aus dem Buch
der Guten Wünsche




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Mittwoch, 15. September 2010

Augenblicke

(Foto von My Quiet Friend)


Ich weiss nur

Du fragst mich
was ich will
Ich weiß es nicht

Ich weiß nur
dass ich träume
dass der Traum mich lebt
und ich in seiner
Wolke schwebe

Ich weiß nur dass ich
Menschen liebe
Berge Gärten das Meer
weiß nur daß viele Tote
in mir wohnen

Ich trinke meine
Augenblicke
weiß nur
es ist das Zeitspiel
Aufundab

~Rose Ausländer

Dienstag, 24. August 2010

Augenblicke

Gleichgewicht

Wir gehen
jeder für sich
den schmalen Weg
über den Köpfen der Toten
- fast ohne Angst -
im Takt unsres Herzens,
als seien wir beschützt,
solange die Liebe
nicht aussetzt.

So gehen wir
zwischen Schmetterlingen und Vögeln
in staunendem Gleichgewicht
zu einem Morgen von Baumwipfeln
- grün, gold und blau -
und zu dem Erwachen
der geliebten Augen.

~Hilde Domin